Bemaßte Ansichten in Kiel — Fassaden zwischen Wiederaufbau-Einheitlichkeit und Hochhauskonzept-Prüfung

Eine Ansicht zeigt, was der Grundriss nicht zeigen kann: wie ein Gebäude von außen wirkt. Für das Amt für Bauordnung, Vermessung und Geoinformation ist das mehr als eine Frage der Optik – Höhenlinien, Öffnungen und Fassadenmaterial fließen unmittelbar in die bauordnungsrechtliche Prüfung ein. In Kiel kommt eine Besonderheit hinzu: Weil rund 80 Prozent der Bausubstanz im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden und die Stadt beim Wiederaufbau bewusst auf eine moderne, funktionale Architektur statt auf Rekonstruktion setzte, ist die Fassadengestaltung im überwiegenden Teil des Stadtgebiets vergleichsweise einheitlich – geprägt von Zeilenbauten mit klaren Lochfassaden statt von individuell gegliederten Gründerzeitfronten. Nur in der Enklave um Blücherplatz, Ravensberg, Brunswik und Düsternbrook verlangt erhaltene Altbausubstanz eine genauere fassadenbezogene Betrachtung. Bei größeren Vorhaben tritt zusätzlich das Kieler Hochhauskonzept hinzu, das gerade auf Höhenlinien und Silhouette abstellt.

Was eine Ansicht für Kiel zeigen muss

Die BauVorlVO stellt an Ansichten dieselben formalen Grundanforderungen wie an andere Bauzeichnungen, mit inhaltlichem Schwerpunkt auf der äußeren Erscheinung:

  • Maßstab mindestens 1:100, mit numerischer Angabe, Maßstabsleiste an fester Stelle nahe dem Schriftfeld und vollständiger Bemaßung von Höhen und Öffnungen auf jeder dargestellten Fassadenseite.
  • Wesentliche Bauprodukte und Bauarten müssen erkennbar sein – bei Ansichten in der Praxis vor allem Fassadenmaterial, Farbgebung und Fensterteilung, sobald sie für die Beurteilung des Vorhabens relevant sind.
  • Bei Änderungen an bestehenden Fassaden müssen zu beseitigende und geplante Bauteile eindeutig unterscheidbar dargestellt werden, etwa ein neuer Fensterausschnitt gegenüber dem bestehenden Wiederaufbau-Mauerwerk.
Die Ansicht als Grundlage der Hochhauskonzept-Prüfung

Bei Vorhaben oberhalb der Hochhausschwelle von 22 Metern nach § 51 LBO oder in einem der vom Kieler Hochhauskonzept erfassten Bereiche reicht eine bloße Höhenangabe im Bauantrag nicht aus. Die 2021 als Hochhausleitlinie beschlossene Prüfung stellt gezielt auf die Silhouette und die Sichtachsen auf die Förde ab – Größen, die sich erst aus einer bemaßten Ansicht mit korrekt eingetragenen Höhenlinien ablesen lassen. Für ein Vorhaben wie das Hochhauscenter am Germaniahafen im Hörn-Gebiet gehört die Ansicht deshalb zu den Zeichnungen, an denen sich die städtebauliche Einordnung entscheidet, nicht nur die bauordnungsrechtliche Zulässigkeit.

Neubau, Wiederaufbau-Bestand oder Altbau-Enklave – drei Ausgangslagen

Welcher Weg zur Ansicht führt, hängt stark davon ab, zu welchem der Kieler Baubestände ein Gebäude zählt:

Neubau in einem Konversionsgebiet

Auf den früheren Werft- und Militärflächen Hörn, Wik und Gaarden entstehen die Ansichten aller Fassadenseiten gemeinsam mit Grundriss und Schnitt aus derselben Planung – Öffnungen, Materialien und Höhen sind von Beginn an aufeinander abgestimmt.

Wiederaufbau-Zeilenbau: Fassade aus dem Bestand ableiten

Bei einem Anbau, Balkonanbau oder Fenstertausch an einem Gebäude aus den 1950er- oder 1960er-Jahren genügt meist ein Aufmaß der betroffenen Fassadenseite, da die Gliederung innerhalb einer Zeile oft wiederkehrt – abweichende spätere Umbauten müssen dabei aber eigens erfasst werden.

Altbau in Ravensberg, Brunswik oder Düsternbrook

Für die seltenen erhaltenen Gebäude dieser Enklave verlangt die Ansicht mehr Sorgfalt: Fassadendetails wie Gesimse, Fensterproportionen oder Stuckreste sind individueller ausgeprägt und lassen sich selten aus einer Typenzeichnung übernehmen.

Was zu einer vollständigen Ansicht in Kiel gehört

Eine einzelne Fassadenzeichnung reicht für die Einreichung selten aus – gefragt ist ein auf Grundriss und Schnitt abgestimmter Satz:

  • Ansichten aller betroffenen Fassadenseiten

    Bemaßt im Maßstab mindestens 1:100, mit Höhen, Öffnungen und – wo relevant – Material- und Farbangaben.

  • Abgestimmter Grundriss und Schnitt

    Damit Maße, Geschosshöhen und Öffnungspositionen zwischen den Zeichnungen des Plansatzes übereinstimmen, den das Amt für Bauordnung als Ganzes prüft.

  • Höhenlinien für die Hochhauskonzept-Prüfung

    Bei Vorhaben oberhalb von 22 Metern oder in einem erfassten Bereich zusätzlich mit Bezug zur Stadtsilhouette und den Sichtachsen auf die Förde eingetragen.

Bemaßte Ansichten in Kiel – Beispiele aus der Praxis

Fassadenansicht für das Hochhauscenter am Germaniahafen

Für den elfgeschossigen Büro- und Wohnturm im Hörn-Gebiet liefert die Ansicht die Höhenlinien, mit denen die Vereinbarkeit mit dem Kieler Hochhauskonzept geprüft wird – zusätzlich zur bauordnungsrechtlichen Einordnung als Sonderbau nach § 51 LBO.

Balkonanbau an einem Zeilenbau in Mettenhof

Die Ansicht zeigt, wie sich der neue Balkon in die serielle Fassadengliederung der Großsiedlung einfügt, die seit dem Einzug der ersten Mieterinnen und Mieter am 26. September 1966 weitgehend unverändert blieb.

Fenstertausch an einem Altbau in Ravensberg

Neue Fensteröffnungen müssen in der Ansicht mit Rohbaumaßen und im Vergleich zum vorhandenen, individuell gegliederten Bestand eindeutig dargestellt werden, auch wenn sich die äußeren Maße nicht ändern.

Dachgaube an einem Wiederaufbau-Mehrfamilienhaus

Die von der Straße sichtbare Gaube braucht eine eigene, mit dem zugehörigen Schnitt abgestimmte Ansicht mit Höhen- und Breitenangaben.

So entsteht Ihre Ansicht für Kiel

Von der Bestandsaufnahme bis zur einreichfertigen Zeichnung durchläuft eine Kieler Ansicht mehrere Schritte:

  1. Betroffene Fassadenseiten klären

    Welche Seiten sind vom Vorhaben überhaupt sichtbar betroffen und – bei Vorhaben ab 22 Metern – zusätzlich für die Hochhauskonzept-Prüfung relevant.

  2. Aufmaß oder Bauakte als Grundlage

    Bestehende Bauakte aus dem Bauaktenarchiv am Fleethörn oder ein aktuelles Aufmaß der betroffenen Fassade als Ausgangspunkt.

  3. Ansicht bemaßt erstellen

    Im Maßstab mindestens 1:100, bei Kulturdenkmalen mindestens 1:50, mit allen Pflichtangaben der BauVorlVO.

  4. Mit Grundriss und Schnitt abgleichen

    Damit Öffnungen, Höhen und Bauteile zwischen den Zeichnungen des Plansatzes widerspruchsfrei sind.

  5. Für das Amt für Bauordnung zusammenstellen

    Digital aufbereitet für die Einreichung am Fleethörn, gegebenenfalls mit Höhenlinien für die Prüfung nach dem Hochhauskonzept.

Was den Preis für eine Ansicht in Kiel beeinflusst

Diese Faktoren bestimmen den Aufwand für eine bemaßte Ansicht:

  • Zahl der betroffenen Fassadenseiten

    Eine einzelne Straßenansicht ist schneller erstellt als mehrere Seiten bei einem freistehenden Gebäude, etwa an der Kiellinie.

  • Neubau, Wiederaufbau-Bestand oder Altbau-Enklave

    Eine Ansicht aus einer laufenden Neubauplanung entsteht meist zügiger als die Dokumentation eines individuell gegliederten Altbaus in Ravensberg oder Brunswik.

  • Ob eine Prüfung nach dem Hochhauskonzept hinzukommt

    Vorhaben oberhalb von 22 Metern verlangen zusätzliche, mit der Stadtsilhouette abgestimmte Höhenlinien in der Ansicht.

  • Zustand vorhandener Bauakten

    Fehlt eine verwertbare Bestandszeichnung im Bauaktenarchiv am Fleethörn, kommt ein Aufmaß-Termin hinzu, bevor die Ansicht entstehen kann.

Alle Leistungen in Kiel

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