Bemaßte Schnitte in Ingelheim am Rhein — die Höhen, die kein Grundriss zeigt

Der Grundriss beantwortet die Frage nach der Fläche. Der Schnitt beantwortet alle übrigen. Wie hoch ist ein Raum wirklich, wo endet die nutzbare Fläche unter der Dachschräge, wie tief liegt der Keller, wie verhält sich das Gebäude zum Gelände. Es sind genau die Angaben, die in Verkaufsunterlagen fehlen und die eine Bauaufsicht zuerst vermisst.

Im Ingelheimer Bestand ist der Schnitt oft die Zeichnung mit den meisten Überraschungen. Die alten Anwesen in Nieder-Ingelheim, Ober-Ingelheim und Frei-Weinheim sind über Generationen gewachsen: angebaut, aufgestockt, in der Höhe versetzt. Fußböden liegen zwischen Wohnhaus und Hofgebäude selten auf einer Ebene, Zwischenpodeste gleichen halbe Geschosse aus, und unter allem liegt häufig ein Gewölbekeller, dessen Scheitel höher reicht als die Kellerdecke des Nachbarteils. Solche Verhältnisse lassen sich in einem Grundriss nicht darstellen — im Schnitt schon.

Ein bemaßter Schnitt macht daraus eine prüfbare Aussage: mit lichten Höhen, Konstruktionsstärken, Sohlen- und Traufhöhen und einem durchgängigen Bezugspunkt, auf den sich alles zurückführen lässt.

Wofür der Schnitt gebraucht wird

Diese Fragen lassen sich ohne Schnitt nicht beantworten:

  • Ob ein Dachraum die Anforderungen an Aufenthaltsräume erfüllt.
  • Wie viel Fläche unter der Schräge tatsächlich angerechnet werden darf.
  • Ob eine geplante Treppe mit der vorhandenen Geschosshöhe funktioniert.
  • Wie sich ein Anbau höhenmäßig an den Bestand anschließt.
  • Wie hoch die Decke nach dem Einbau eines neuen Fußbodenaufbaus noch ist.
  • Wie tief das Gebäude unter der Geländekante liegt.
Der Dachraum und der Keller — zwei Enden, ein Blatt

Bei Ingelheimer Bestandsgebäuden liegen die beiden wirtschaftlich interessantesten Bereiche an den Enden des Schnitts, und beide sind ohne gemessene Höhen nicht beurteilbar. Oben der Dachraum: Ob dort Wohnraum entstehen kann, hängt an der lichten Höhe über der Rohdecke, an der Kniestockhöhe und an der Dachneigung. Und die anrechenbare Fläche folgt daraus unmittelbar, denn die Wohnflächenverordnung rechnet Flächen unter Dachschrägen je nach lichter Höhe voll, anteilig oder gar nicht an. Ein halber Meter Kniestock mehr oder weniger verschiebt die anrechenbare Fläche eines Dachgeschosses spürbar — und wer diese Höhe schätzt, schätzt am Ende die Fläche, die er einem Käufer nennt. Unten der Keller: In den alten Ortslagen sind das häufig Gewölbe aus Bruchstein, gebaut für Fässer und nicht für Wohnnutzung. Ihre Sohle liegt tiefer als moderne Keller, der Scheitel unregelmäßig, der Zugang oft außerhalb der Gebäudekante. Wer solche Räume nutzen oder verändern will, braucht deren Höhen und Lagen im Schnitt, weil sich sonst weder eine Trockenlegung noch ein neuer Fußbodenaufbau planen lässt. Und weil in Ingelheim unter der Erde Reste der karolingischen Kaiserpfalz und früherer Siedlungsphasen liegen, hat der Schnitt hier eine zusätzliche Funktion: Er ist das Blatt, aus dem hervorgeht, ob ein Vorhaben unter die vorhandene Sohle geht — die Angabe, an der die denkmalrechtliche Seite eines Vorhabens hängt. Beide Enden desselben Schnitts, beide nur mit gemessenen Werten belastbar.

Welche Schnitte sinnvoll sind

Die Schnittführung wird nach dem Erkenntnisgewinn gewählt:

Schnitt durch das Treppenhaus

Der Standardschnitt: Er zeigt alle Geschosse, die Treppenläufe, Podeste und Durchgangshöhen in einem Blatt.

Schnitt durch den Dachraum

Quer zum First, mit Kniestock, Neigung und lichter Höhe — die Grundlage jeder Aussage zur Ausbaufähigkeit.

Schnitt durch die Geländekante

Zeigt den Anschluss des Gebäudes an das vorhandene und geplante Gelände, samt Kellersohle und Lichtschächten.

Schnitt über mehrere Bauteile

In gewachsenen Hofanlagen der einzige Weg, die Versätze zwischen Wohnhaus, Hofgebäude und Scheune sichtbar zu machen.

Was im Schnitt bemaßt wird

  • Lichte Raumhöhen

    Je Geschoss und, wo sie abweichen, je Raumbereich — nicht als Mittelwert für das ganze Haus.

  • Konstruktionsstärken

    Decken- und Fußbodenaufbauten, weil sie den Unterschied zwischen Rohbaumaß und lichter Höhe ausmachen.

  • Kniestock und Dachneigung

    Die beiden Werte, aus denen sich die anrechenbare Fläche unter der Schräge ergibt.

  • Sohlen- und Geländehöhen

    Kellersohle, Oberkante Gelände und der geplante Zustand, jeweils auf denselben Bezugspunkt bezogen.

  • Treppen und Durchgangshöhen

    Steigungsverhältnis und lichte Höhe über den Stufen — bei nachträglichen Einbauten der häufigste Stolperstein.

Schnittaufgaben aus Ingelheim

Dachgeschossausbau über einem Altbau

Kniestock und Neigung entscheiden, wie viel nutzbare Fläche entsteht und ob die Räume als Aufenthaltsräume taugen.

Neuer Fußbodenaufbau im Erdgeschoss

Jeder Zentimeter Aufbau geht von der lichten Höhe ab — im Altbau mit ohnehin knappen Höhen ein kritischer Punkt.

Gewölbekeller als Nutzfläche

Die gekrümmte Decke und die tiefe Sohle bestimmen, welche Nutzung dort überhaupt möglich ist.

Anbau an ein Hofgebäude mit Versatz

Zwei Ebenen, die nicht zusammenpassen: Der Schnitt zeigt, wie der Übergang gelöst werden kann.

So entsteht Ihr Schnitt

  1. Höhen aufnehmen

    Lichte Höhen, Aufbauten, Sohlen und Geländepunkte werden am Gebäude gemessen und einem Bezugspunkt zugeordnet.

  2. Schnittführung festlegen

    Wir wählen die Linien, an denen das Gebäude am meisten über sich verrät — und nicht die, die am einfachsten zu zeichnen sind.

  3. Zeichnen und bemaßen

    Der Schnitt entsteht im eigenen Haus, abgestimmt mit Grundriss und Ansicht desselben Gebäudes.

  4. Querprüfen

    Jede Höhe wird gegen die anderen Blätter gehalten, damit die Unterlagen widerspruchsfrei bleiben.

Was den Aufwand bemaßter Schnitte bestimmt

Entscheidend ist, wie viele Ebenen das Gebäude hat und wie sie zueinander liegen:

  • Zahl der erforderlichen Schnitte

    Ein durchlaufendes Gebäude kommt mit einem aus, eine Hofanlage mit Versätzen braucht mehrere.

  • Komplexität der Dachkonstruktion

    Kehlbalkendächer, Aufschieblinge und nachträgliche Gauben erzeugen deutlich mehr Einzelmaße.

  • Kellersituation

    Teilunterkellerung, Gewölbe und springende Sohlen verlangen eine sorgfältigere Aufnahme.

  • Erforderlicher Geländebezug

    Wo Höhen gegenüber dem Gelände nachgewiesen werden müssen, kommen zusätzliche Messpunkte hinzu.

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