Bemaßte Ansichten in Ingelheim am Rhein — die Fassade als prüfbare Zeichnung

Die Ansicht ist das Blatt, auf dem ein Gebäude von außen beurteilt wird. Sie zeigt, wie hoch es wirklich ist, wo die Traufe liegt, wie die Öffnungen sitzen, welche Materialien die Fassade bestimmen und wie das Gebäude an das Gelände anschließt. Für Nachbarn, für die Bauaufsicht und für jede Frage der Einfügung in die Umgebung ist sie aussagekräftiger als jeder Grundriss.

In Ingelheim am Rhein bekommt dieses Blatt zusätzliches Gewicht, weil das Stadtbild aus mehreren, sehr verschiedenen Schichten besteht. In Ober-Ingelheim steht mit der Burgkirche eine der besterhaltenen Kirchenburganlagen im süd- und westdeutschen Raum, deren Wehrmauern beidseitig an die alte Ortsbefestigung anschließen. Um sie herum haben sich Straßenzüge erhalten, in denen die Häuser direkt an der Gasse stehen und Höfe nach hinten öffnen. Wer dort an einer Fassade etwas verändert, verändert etwas an einem gewachsenen Zusammenhang — und muss zeigen können, was genau.

Eine bemaßte Ansicht macht diesen Nachweis führbar. Sie ersetzt Beschreibungen wie ortsüblich oder angepasst durch Höhen, Achsmaße und Materialangaben, über die sich sachlich reden lässt.

Wann bemaßte Ansichten gebraucht werden

Diese Vorhaben verlangen eine Ansichtszeichnung:

  • Bei Neubau, Anbau und Aufstockung für alle betroffenen Seiten.
  • Bei neuen oder veränderten Öffnungen in der Fassade oder in der Dachfläche.
  • Bei einer Fassadensanierung, wenn Material oder Gliederung sich ändern.
  • Bei Dachaufbauten wie Gauben, Dachflächenfenstern oder Aufzugsüberfahrten.
  • Bei Vorhaben an oder neben einem Kulturdenkmal, wo das Erscheinungsbild zu beurteilen ist.
  • Bei Anlagen an der Fassade, etwa Balkonen, Vordächern oder Werbeanlagen.
Was die Ansicht im gewachsenen Ingelheimer Straßenbild leisten muss

In einem Neubaugebiet ist die Ansicht ein Nachweis über das eigene Gebäude. In den alten Ingelheimer Ortslagen ist sie ein Nachweis über eine Reihe. Die Häuser stehen dort dicht beieinander, oft giebelständig, mit Traufen, die von Haus zu Haus um wenige Zentimeter springen, und mit Sockeln, die dem Gefälle der Gasse folgen. Eine Ansicht, die nur das eigene Gebäude zeigt und rechts und links weiße Fläche lässt, beantwortet in dieser Situation die entscheidende Frage nicht: wie sich das Vorhaben in den vorhandenen Zusammenhang einfügt. Wir zeichnen deshalb den Anschluss an die Nachbargebäude mit, soweit er für die Beurteilung Bedeutung hat — mit deren Traufhöhen, Firstlinien und Geländeanschlüssen als Bezug. Das ist besonders dort wichtig, wo ein Kulturdenkmal in der Nähe steht. Der Schutz eines Kulturdenkmals endet nach dem Denkmalschutzgesetz Rheinland-Pfalz nicht an seiner Grundstücksgrenze: Auch die Umgebung kann einbezogen sein, soweit sie für das Erscheinungsbild des Denkmals von Bedeutung ist. In Ober-Ingelheim mit der Burgkirche und den anschließenden Resten der Ortsbefestigung ist das keine theoretische Konstellation. Für die Bauherrschaft folgt daraus kein Verbot, sondern eine Anforderung an die Darstellung: Wer zeigen kann, dass eine geplante Gaube unterhalb der Nachbartraufe bleibt oder dass ein Anbau die vorhandene Sockellinie aufnimmt, argumentiert mit Maßen statt mit Absichtserklärungen. Voraussetzung dafür sind Höhen, die am Gebäude aufgenommen wurden.

Was auf einer Ansicht dargestellt wird

Die Zeichnung beantwortet vier Gruppen von Fragen:

Höhenentwicklung

Trauf- und Firsthöhe, Geschosshöhen und Sockelhöhe, jeweils bezogen auf einen durchgängigen Höhenbezugspunkt.

Öffnungen und Gliederung

Lage, Größe und Achsabstände von Fenstern und Türen, dazu Gesimse, Faschen und sonstige Gliederungselemente.

Material und Oberfläche

Putz, Sichtmauerwerk, Fachwerk, Dachdeckung und Fensterteilung als Angabe, nicht als Andeutung.

Geländeanschluss

Vorhandenes und geplantes Gelände an der jeweiligen Gebäudeseite — bei fallender Gasse der Punkt, an dem sich Höhenangaben entscheiden.

Was wir dafür aufnehmen

  • Höhen an der Fassade

    Sockel, Fensterbrüstungen, Stürze, Traufe und First, gemessen und nicht aus Fotos hochgerechnet.

  • Achsmaße der Öffnungen

    Abstände von Fenster zu Fenster und zu den Gebäudekanten, damit die Gliederung maßhaltig wird.

  • Geländepunkte entlang der Fassade

    Mehrere Punkte je Seite, weil eine einzelne Höhe bei geneigtem Gelände nichts aussagt.

  • Angaben zu Material und Farbigkeit

    Vorhandener Zustand und geplante Ausführung, jeweils benannt statt nur farbig dargestellt.

  • Bezugspunkte der Nachbarbebauung

    Traufhöhen und Kanten der angrenzenden Gebäude, soweit sie für die Beurteilung gebraucht werden.

Ansichtsfälle aus Ingelheim

Neue Gaube im alten Ortskern

Die Frage ist nicht, ob eine Gaube möglich ist, sondern wie hoch, wie breit und in welchem Abstand zur Nachbartraufe.

Fassadensanierung an einem Straßenzug

Putzgliederung, Fensterteilung und Sockelausbildung werden dokumentiert, bevor sie verschwinden.

Anbau an ein Hofgebäude

Der Anschluss an den Bestand und die Höhenlage im Hof bestimmen, wie der Anbau wirken wird.

Aufstockung in einem jüngeren Wohngebiet

Hier zählt vor allem die neue Traufhöhe im Verhältnis zur Nachbarschaft und zu den Festsetzungen des Bebauungsplans.

Wie die Ansichten entstehen

  1. Aufnahme vor Ort

    Fassadenhöhen, Öffnungsmaße und Geländepunkte werden am Gebäude gemessen und fotografisch dokumentiert.

  2. Konstruktion der Zeichnung

    Die Ansicht wird aus den gemessenen Werten aufgebaut und mit Grundriss und Schnitt in Übereinstimmung gebracht.

  3. Einarbeitung der Planung

    Geplante Änderungen werden so eingetragen, dass sie vom Bestand unterscheidbar bleiben.

  4. Abgleich der Blätter

    Jede Höhe muss in Ansicht, Schnitt und Grundriss dieselbe sein — dieser Abgleich verhindert die häufigsten Rückfragen.

Was den Aufwand bemaßter Ansichten bestimmt

Der Aufwand steigt mit der Zahl der Seiten und der Gliederung der Fassade:

  • Zahl der betroffenen Gebäudeseiten

    Ein Anbau an einer Seite verlangt weniger als ein Neubau, für den alle vier Ansichten zu zeichnen sind.

  • Gliederung der Fassade

    Eine glatte Putzfassade ist schnell dargestellt, eine gegliederte mit Gesimsen, Faschen und Fachwerk deutlich aufwendiger.

  • Geländesituation

    Bei fallendem Gelände sind mehr Höhenpunkte nötig, damit der Anschluss korrekt gezeichnet werden kann.

  • Erforderlicher Nachbarbezug

    Muss die angrenzende Bebauung mit dargestellt werden, kommt deren Aufnahme hinzu.

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