Energieausweis in Göttingen — Fachwerksubstanz, Denkmalschutz und wachsende Fernwärme

Ein Energieausweis beschreibt zunächst nur eine Zahl – die Effizienzklasse eines Gebäudes –, doch wie diese Zahl in Göttingen zustande kommt, hängt stark davon ab, welchem der sehr unterschiedlichen Bauepochen der Stadt Ihre Immobilie angehört. Ein Fachwerkhaus mit massivem Gefach, das seit Jahrzehnten unverändert steht, wird nach anderen Regeln behandelt als eine Neubauwohnung mit Fernwärmeanschluss im Umfeld der Universität. Hinzu kommt die kommunale Wärmewende: Göttingen hat seine Wärmeplanung nach dem Wärmeplanungsgesetz bereits vorgelegt und treibt den Ausbau der Fernwärme spürbar voran – ein Umstand, der sich in den kommenden Jahren zunehmend auf viele Energieausweise der Stadt auswirken dürfte.

Für welche Göttinger Gebäude welcher Ausweis vorgeschrieben ist

Ob Wahlfreiheit besteht oder nicht, hängt an zwei Stellschrauben – Baujahr und Einheitenzahl:

  • Beim Verkauf, bei der Vermietung oder Verpachtung ist der Ausweis der Interessentin oder dem Interessenten spätestens bei der Besichtigung vorzulegen und beim Vertragsschluss auszuhändigen (§ 80 GEG).
  • Ein Bauantrag vor dem 1. November 1977 bei gleichzeitig weniger als fünf Wohneinheiten und ohne durchgreifende Modernisierung erzwingt den aufwendigeren Bedarfsausweis – dieser Fall betrifft überdurchschnittlich viele Fachwerk- und Altbaugebäude der Innenstadt.
  • Ab fünf Wohneinheiten oder bei einem Bauantrag nach diesem Stichtag darf zwischen Bedarfs- und Verbrauchsausweis gewählt werden.
  • Neu errichtete Gebäude, etwa im Umfeld der Universität oder der Max-Planck-Institute, benötigen unabhängig von ihrer Größe stets einen Bedarfsausweis.
  • Ein einmal ausgestellter Ausweis bleibt zehn Jahre gültig, sofern zwischenzeitlich keine wesentliche energetische Veränderung am Gebäude erfolgt.
Denkmalgeschützte Fachwerksubstanz und die Grenzen der energetischen Nachrüstung

Nach § 105 GEG dürfen bei Baudenkmälern und sonstiger erhaltenswerter Bausubstanz einzelne energetische Anforderungen unangewendet bleiben, wenn ihre Erfüllung die Substanz oder das Erscheinungsbild beeinträchtigen würde – diese Ausnahme greift automatisch, ohne dass dafür ein gesonderter Antrag nötig wäre. In Göttingen betrifft das vor allem die sichtbaren Fachwerkfassaden im Baukulturensemble Innenstadt-Ostteil: Eine nachträgliche Außendämmung würde das historische Balkenraster verdecken und ist deshalb häufig nicht genehmigungsfähig. Trotzdem bleibt für jedes dieser Gebäude ein Energieausweis Pflicht, sobald verkauft oder vermietet wird – nur der Weg zu einer besseren Effizienzklasse verläuft dann typischerweise über die Anlagentechnik oder eine Innendämmung statt über die Fassade, abgestimmt mit dem Denkmalschutz-Teil des zuständigen Bereichs.

Bedarfsausweis, Verbrauchsausweis und die Rolle der Fernwärme

Beide Ausweisarten enden bei derselben Effizienzskala, gehen aber von unterschiedlichen Ausgangsdaten aus:

Bedarfsausweis

Berechnet, wie viel Energie ein Gebäude unter Normbedingungen theoretisch benötigt – anhand von Wandaufbau, Fenstern, Dach und Heiztechnik. Bei unsanierter Fachwerksubstanz ist er ohnehin vorgeschrieben und macht zugleich sichtbar, welche einzelne Maßnahme welchen Effekt hätte.

Verbrauchsausweis

Stützt sich auf die tatsächlichen, witterungsbereinigten Verbrauchswerte der letzten drei Abrechnungsjahre. Bei durchgehend vermieteten, sanierten Wohnungen mit lückenloser Abrechnung meist die schnellere und günstigere Variante.

Anrechnung der Fernwärme

Ist ein Gebäude an das Netz der Stadtwerke Göttingen angeschlossen, fließt dessen Primärenergiefaktor in die Berechnung ein. Weil die Wärme an vier Standorten überwiegend aus Biogas, Biomethan, Biomasse und Abwärme stammt, kann sich das gegenüber einer eigenen Gasheizung günstig auf die ausgewiesene Effizienzklasse auswirken – ein Effekt, der mit dem geplanten Ausbau des Netzes in den kommenden Jahren voraussichtlich zunimmt.

Was für Ihren Göttinger Energieausweis zusammengetragen wird

Der Umfang der benötigten Angaben richtet sich nach dem gewählten Ausweistyp:

  • Angaben zur Gebäudehülle

    Baujahr, Wandaufbau, Fenstertyp, Dachdämmung und die vorhandene Heiztechnik – für den Bedarfsausweis unverzichtbar, notfalls durch eine Begehung ermittelt.

  • Abrechnungsunterlagen der letzten drei Jahre

    Für den Verbrauchsausweis werden Heizkostenabrechnungen oder Zählerstände benötigt, idealerweise ohne größere Leerstandsphasen dazwischen.

  • Nachweis zum Denkmalstatus

    Liegt das Gebäude im Baukulturensemble oder ist es Einzeldenkmal, wird zusätzlich dokumentiert, welche Auflagen bestehen und welche Abweichungen davon abgedeckt sind.

  • Fernwärme-Anschlussdaten

    Bei einem Anschluss an das Netz der Stadtwerke Göttingen wird die entsprechende Kennziffer in die Berechnung übernommen.

Energieausweise in Göttingen – Beispiele aus der Praxis

Kleines Fachwerkhaus ohne Modernisierung seit Jahrzehnten

Weniger als fünf Wohneinheiten und ein sehr altes Baujahr machen den Bedarfsausweis zur Pflicht; die geschützte Fassade schließt eine Außendämmung praktisch aus.

Mietwohnung mit durchgehender Abrechnungshistorie und Fernwärme

Ein Verbrauchsausweis lässt sich hier ohne Vor-Ort-Termin erstellen, der Fernwärmeanschluss verbessert die Effizienzklasse gegenüber einer eigenständigen Gasheizung.

Neubauwohnung an der Universität

Der vorgeschriebene Bedarfsausweis fällt dank hoher Dämmstandards und Anteilen erneuerbarer Energien deutlich besser aus als im historischen Bestand.

Gemischt genutztes Haus mit Ladenlokal und Wohnungen

Gewerbe- und Wohnnutzung werden für den Energieausweis getrennt betrachtet, auch wenn beide im selben Gebäude liegen.

Der Weg zu Ihrem Göttinger Energieausweis

Unabhängig vom Ausweistyp durchläuft jede Beauftragung dieselben Grundschritte:

  1. Kurzangaben zum Gebäude aufnehmen

    Baujahr, Einheitenzahl, Denkmalstatus und – sofern bekannt – Anschlussart der Heizung.

  2. Passenden Ausweistyp bestimmen

    Zwingend vorgeschrieben oder freie Wahl – maßgeblich ist meist, ob belastbare Verbrauchsdaten vorliegen.

  3. Fehlende Angaben ergänzen

    Je nach Ausweistyp werden Baupläne ausgewertet, die Gebäudehülle vor Ort erfasst oder Abrechnungen zusammengetragen.

  4. Effizienzklasse berechnen

    Bei denkmalgeschützten Gebäuden werden nur Modernisierungsvorschläge aufgenommen, die mit den bestehenden Auflagen vereinbar sind.

  5. Fertigen Ausweis übergeben

    Inklusive aller Pflichtangaben, die künftig in Immobilienanzeigen zu nennen sind.

Was einen Göttinger Energieausweis teurer oder günstiger macht

Der tatsächliche Aufwand unterscheidet sich von Gebäude zu Gebäude spürbar:

  • Ausweistyp

    Der Bedarfsausweis verlangt eine vollständige Erhebung der Gebäudehülle und ist dadurch aufwendiger als der reine Verbrauchsausweis.

  • Vorhandene Datenbasis

    Wer bereits Baupläne oder lückenlose Abrechnungen bereithält, spart gegenüber einer Neuerhebung vor Ort erheblich Zeit.

  • Denkmalrechtliche Prüfung

    Bei geschützten Gebäuden kommt der Abgleich möglicher Ausnahmen mit den bestehenden Auflagen hinzu.

  • Tiefe der Modernisierungsempfehlungen

    Eine ausführliche, auf das Gebäude zugeschnittene Maßnahmenliste braucht mehr Bearbeitungszeit als eine knappe Standardangabe.

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